Das Steinhuder Meer verlandet. Die Lage ist ernst. Nach jahrelangen Diskussionen trafen sich am 9. Oktober 2025 die wichtigsten Akteure aus Behörden, Naturschutz, Tourismus und Wissenschaft zur entscheidenden Podiumsdiskussion. Über 300 Teilnehmer waren im vollgefüllten Saal dabei. Die Ergebnisse: Eine klare Forderung nach intensiverer Entschlammung, der Kampf gegen Phosphoreinträge und ein gemeinsamer Wille, das Gewässer langfristig zu sichern. Erfahren Sie, was besprochen wurde.
Die Region braucht einen Masterplan
Das Steinhuder Meer ist gefährdet. Nicht durch eine einzige Ursache, sondern durch ein komplexes Geflecht aus Verschlammung, Nährstoffeinträgen und klimatischen Veränderungen. Klar ist: Nur ein koordinierter, langfristiger Ansatz mit klaren finanziellen Rahmenbedingungen, öffentlicher Beteiligung und technischer wie ökologischer Innovation kann den See retten. Die gesammelte Expertise und die Betroffenheit der Akteure sind ein starker Hebel. Jetzt gilt es, daraus konkrete Taten werden zu lassen.
Die geringen Wasserstände der vergangenen Jahre machen vielen Wassersportlern Sorge. Der Verein zum Erhalt des Steinhuder Meeres lud zu einer Podiumsdiskussion am 9. Oktober in die Strandterrassen ein.
Zum Einstieg wurde ein Kurzfilm des ehemaligen NDR-Mitarbeiters Dieter Hermann gezeigt, der umfassend und mit eindrucksvollen Aufnahmen in die Thematik einführte. Ergänzt wurde ein Eingangsstatement von Jörg Prante (VESM), Gewässerexperte für das Steinhuder Meer.
Zusammenfassung der Podiumsdiskussion in den Strandterrassen
Professionelle und humorvolle Moderation durch Sabine Steuernagel
Die Podiumsdiskussion wurde gekonnt von Sabine Steuernagel, bekannt als ehemalige NDR-Moderatorin und Steinhuderin, moderiert. Mit ihrer tiefen Verbundenheit zum Ort und ihrer journalistischen Erfahrung gelang es ihr, die komplexe Thematik verständlich und zugleich unterhaltsam aufzubereiten. Es entstand ein konstruktiver Dialog.
Schlamm- und Gewässermanagement
- Die übermäßige Verschlammung ist das zentrale Problem des Steinhuder Meeres und erfordert dringend intensivere Entschlammungsmaßnahmen.
- Die Tiefenvermessung von 2019 ergab, dass der See mit 14,4 Millionen Kubikmetern Schlamm gefüllt ist, was über 30 Prozent des Seevolumens entspricht.
- Die Strömungsverhältnisse haben sich durch Ablagerungen in den Deipen verändert und führen zu chaotischen Strömungen sowie verstärkter Verschlammung an den Uferzonen.
- Laut Ernst Greten ist die Entfernung von etwa 5 Millionen Kubikmetern Schlamm notwendig, um die historischen Strömungen wiederherzustellen und den See langfristig zu erhalten.
- Die Entschlammung erfolgt an zwei Hauptpolderstandorten in Großenheidorn und Mardorf, wobei letzterer erweitert wird, um die Kapazität zu erhöhen.
- Die Umsetzung erfordert eine enge ökologische Baubegleitung, um Brutzeiten zu respektieren und negative Auswirkungen auf die Tierwelt zu minimieren.
- Die Entsorgung des Schlamms ist durch rechtliche Vorgaben erschwert, da Schlamm als Abfall gilt und nur innerhalb des Wassereinzugsgebiets gelagert werden darf.
- Das Wassereinzugsgebiet ist klein und stark naturschutzrechtlich geschützt, was die Suche nach geeigneten Lagerflächen weiter einschränkt.
- Wilhelm Bredthauer schlägt vor, den Schlamm als Pilotprojekt auf abgetorften Moorflächen einzulagern, um ihn biologisch in Moorgewebe umzuwandeln.
- Diese Methode soll in einem Modellversuch geprüft werden, um die ökologische und technische Machbarkeit zu bestätigen.
- Die jährliche Neubildungsrate des Schlamms wird wissenschaftlich untersucht; erste Schätzungen liegen bei etwa 60.000 Kubikmetern pro Jahr.
- Die bisherige Entschlammung von etwa 45.000 Kubikmetern pro Jahr hält den Zustand stabil, wird aber als nicht ausreichend angesehen.
- Um den See mittel- bis langfristig zu entlasten, wird eine Verdopplung oder Verdreifachung der jährlichen Entschlammungsmenge angestrebt.
- Die Finanzierung der Maßnahmen ist eine zentrale Herausforderung, da die Kosten bei etwa 10 Euro pro Kubikmeter liegen und die derzeitigen Mittel nicht ausreichen.
Wasserqualität und Nährstoffmanagement
- Die Reduktion der Phosphoreinträge ist entscheidend, um die Wasserqualität zu verbessern und das Algenwachstum zu verringern.
- Phosphate werden als Hauptnährstoff identifiziert, der die übermäßige Algenblüte verursacht und somit die Verschlammung fördert.
- Region und Stadt setzen bereits Maßnahmen zur Reduktion der Phosphoreinträge um, mit kurzfristig erwarteter Entlastung.
- Eine bessere Wasserqualität fördert die Wiederansiedlung von Unterwasserpflanzen, die den Schlamm verdichten und weniger Treibschlamm entstehen lassen.
- Die Wasserqualität wird regelmäßig durch das Gesundheitsamt überwacht und gilt als für Badezwecke geeignet.
- Im Schlamm gebundene Schwermetalle und Schadstoffe gelangen nicht in die Wassersäule und stellen daher keine direkte Gefahr dar.
- Warnhinweise bei toxischen Blaualgen werden empfohlen, insbesondere für Kleinkinder und Haustiere.
- Die natürliche Wasserstandsschwankung und Strömungsverhältnisse haben sich durch Klimawandel und menschliche Eingriffe verändert.
- Weniger Eisgang und höhere Temperaturen verhindern die natürliche Verdichtung des Schlamms.
- Die veränderten Strömungen und fehlende Zuflüsse verschärfen die Verschlammungsproblematik weiter.
Naturschutz und ökologische Begleitung
- Naturschutzvertreter wie Thomas Beuster befürworten Entschlammungsmaßnahmen, fordern jedoch ein behutsames Vorgehen und mahnen eine ökologische Baubegleitung an, um Brutzeiten und Arten zu schützen.
- Die bisherigen Polderflächen entstanden mit Zustimmung des Naturschutzes, der auch für neue Projekte offen ist.
- Kritisch wird die technische Umsetzung gesehen, da das Absaugen manchmal Schwebstoffe zurücklässt, die wieder ablagern und neue Probleme schaffen.
- Die Wiederherstellung der natürlichen Strömungsverhältnisse wird als wichtiges Ziel für den Erhalt der Fischfauna und Wasserpflanzen angesehen.
- Der zunehmende Einfluss von Gänsen auf die Vegetation wird kontrovers bewertet, insbesondere die Reduzierung des Schilfs durch hohe Gänsepopulationen.
- Im internationalen Vogelschutzgebiet ist ein Abschuss keine Option; stattdessen sind Maßnahmen zur Steuerung der Äsungsflächen notwendig.
- Die Vitalität des Schilfs wird durch mehrere Faktoren beeinträchtigt, darunter Klimawandel und genetische Einschränkungen.
Tourismus, Sport und regionale Bedeutung
- Das Steinhuder Meer hat eine hohe wirtschaftliche und kulturelle Bedeutung für die Region, die durch den Zustand des Gewässers gefährdet ist.
- Der See zieht jährlich etwa 2 Millionen Tagesgäste und zahlreiche Übernachtungsgäste an, was einen bedeutenden Wirtschaftsfaktor darstellt.
- Die Jugendherberge am Nordufer verzeichnete durch die Verschlammung erheblichen Rückgang.
- Burghard Kayser betont, dass der Zugang zum Meer für die Jugendherberge und andere Tourismusbetriebe essenziell ist.
- Ein schneller Fortschritt bei der Entschlammung wird als wichtig erachtet, um den touristischen Wert zu erhalten.
- Der Segelsport ist stark betroffen, mit über 140 Booten bei Regatten, die auf ausreichende Wasserflächen angewiesen sind.
- Bürgermeister Carsten Piellusch (und alle Teilnehmer) sehen den Erhalt des Steinhuder Meeres als Teil der regionalen Identität und Lebensqualität.
- Die langfristige Sicherung von Regatten und Wassersportveranstaltungen ist ein Ziel, das mit der Verbesserung der Wasserqualität und Tiefe verbunden ist.
- Die Stadt Wunstorf und weitere Kommunen bekennen sich zur aktiven Mitverantwortung für den Erhalt des Sees.
- Infrastrukturmaßnahmen wie die Sanierung von Radwegen werden parallel verfolgt, um die Naherholung zu fördern.
- Die Kombination verschiedener Maßnahmen – von Entschlammung über Nährstoffreduktion bis zur Strömungswiederherstellung – wird als realistischer Weg gesehen.
Kommunikation, Beteiligung und Finanzierung
- Eine offene Kommunikation und stärkere Beteiligung der Öffentlichkeit sind unerlässlich für den Erfolg der Maßnahmen.
- Der Seeentwicklungsplan sieht eine intensive Öffentlichkeitsbeteiligung vor, die bisher als unzureichend bewertet wird.
- Die Einbindung von Berufsschiffern, Fischern, Wassersportlern und lokalen Akteuren soll die Akzeptanz der Maßnahmen erhöhen.
- Weitere Veranstaltungen und Informationsangebote sind geplant, um Fragen zu beantworten und Unterstützung zu gewinnen.
- Finanzierung und Ressourcen sind zentrale Herausforderungen für die Umsetzung der Entschlammungsmaßnahmen.
- Die Kosten für die Entschlammung werden auf etwa 10 Euro pro Kubikmeter geschätzt, was bei mehreren Millionen Kubikmetern enorme Summen bedeutet.
- Zusätzliche Haushaltsmittel wurden in Folge von Öffentlichkeitsarbeit bereitgestellt, reichen aber noch nicht aus.
- Ein neuer Haushaltstitel mit separaten Mitteln für das Steinhuder Meer wird als sinnvoll erachtet, um gezielt Mittel zu sichern.
- Die beteiligten Behörden und Akteure stehen in gutem Austausch, doch Geduld ist notwendig, da Erfolge erst mittelfristig sichtbar werden.
- Die Maßnahmen folgen einem langfristigen Horizont von fünf bis zehn Jahren, um die Wasserqualität nachhaltig zu verbessern.
- Ein vorsichtiges Vorgehen wird von allen Seiten gewünscht, um negative Nebeneffekte zu vermeiden und die Natur nicht zu schädigen.
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Mehr InformationenZitate aus der Podiumsdiskussion
Professionelle Perspektive – VESM & Experten
- Jörg Prante VESM: „Das Steinhuder Meer steht vor einer existenziellen Herausforderung. Wir müssen jetzt handeln, nicht in zehn Jahren. Das Problem liegt nämlich im wahrsten Sinne des Wortes auf dem Grund des Sees, nämlich die übermäßige Menge Schlamm, die wir haben.“
- Ernst Greten, VESM: „Wir müssen uns als oberstes Ziel setzen, dass das Steinhuder Meer noch so ist, wie wir es erlebt haben und für die nächsten Generationen erhalten bleibt!“
- Dr. Conrad Ludewig, Amt für regionale Landesentwicklung: „Der Klimawandel führt dazu, dass wir nicht wie früher regelmäßig im Winter Eisgang hatten, keine Wellenbewegung war und der Schlamm verdichten konnte. Dazu Temperaturschwankungen, Vorsommertrockenheit und höhere Temperaturen mit mehr Verdunstung. Es gibt viele Faktoren, die kontraproduktiv sind für die Ziele, die wir haben.“
- Dr. Melanie Hartwich, Seenkompetenzzentrum beim NLWKN: „Die Phosphoreinträge aus dem Toten Moor und anderen Quellen sind Treiber der Algenblüte. Wenn wir das nicht anpacken, wird jede Entschlammung durch neuen Bio-Schlamm zunichtegemacht.“
- Wilhelm Bredthauer, VESM: „Die Öffentlichkeitsbeteiligung darf nicht am Abend enden. Wir brauchen Transparenz, Informationen und einen Dialog, der über einzelne Veranstaltungen hinausgeht. Die Bevölkerung muss spüren, dass sie Teil der Lösung ist, nicht nur Zuschauerin.“
Naturschutz und Umwelt
- Thomas Beuster, Ökologische Schutzstation ÖSSM: „Ja zur Entschlammung, aber mit Augenmaß. Wir brauchen eine enge, wissenschaftliche Baubegleitung, um nicht beim Löschen eines Problems ein anderes zu schaffen – besonders sensibel im Bereich der Brutzeiten.“
Tourismus, Wirtschaft und Politik
- Burkhard Kayser, DJH-Landesverband: „Die Jugendherberge am Nordufer ist auf ein funktionierendes Steinhuder Meer angewiesen. Die drastischen Rückgänge bei Übernachtungen sind nicht nur ein wirtschaftliches, sondern ein kulturelles Signal: Wenn das Meer nicht mehr erreichbar ist, verliert eine ganze Generation die Verbindung zu diesem Gewässer.“
- Carsten Piellusch, Bürgermeister Stadt Wunstorf: „Das Steinhuder Meer hat ein Alleinstellungsmerkmal im Land Niedersachen. Wir sind uns alle bewusst, welchen Schatz wir hier vor uns haben und dass es darum gehen muss, diesen Schatz zu erhalten für uns und natürlich auch für unsere Kinder. Ich bin hier aufgewachsen, ich kenne das Meer von Kindesbeinen an und es ist mir auch persönlich ein besonderes Anliegen.“
- Mark Herrmann, Fachbereichsleiter Umwelt Region Hannover: „Die Region Hannover und die Naturschutzbehörde haben keinerlei Probleme damit, dass hier Entschlammungsmaßnahmen stattfinden, auch aus naturschutzbehördlicher Sicht nicht. Der Dissens besteht dann nur darin, wo man das Ganze dann hinbringt.“
Fortsetzung der Zusammenarbeit und nächste Termine
Die Zeit drängt. Die anregende Diskussion hat gezeigt, dass die Verantwortlichen am selben Strang ziehen. Jetzt gilt es, die klaren Worte in ebenso klare Taten umzusetzen. Die Region braucht nicht nur Entschlammung, sondern ein ganzheitliches Gewässermanagement, das ökologische, touristische und wirtschaftliche Interessen verbindet.
Weitere Termine begleiten wir auf der Webseite und auf Social Media.
Infoveranstaltung zu den Ergebnissen
Am 5. Februar 2026 präsentierte der Verein zum Erhalt des Steinhuder Meeres in einer Informationsveranstaltung die Ergebnisse aus der Podiumsdiskussion.
📌 Seeentwicklungsplan II vorgestellt
Seit 20. Juli 2026 liegt nun der finale Seeentwicklungsplan II vor und benennt konkrete Handlungsfelder für die kommenden Jahre. Schwerpunkte sind Entschlammung, Wasserhaushalt und die Verringerung von Nährstoffeinträgen in das Steinhuder Meer.