Renaturierungsprojekt: Tierische Landschaftspfleger auf dem Weißen Berg

Renaturierungsprojekt: Tierische Landschaftspfleger auf dem Weißen Berg
Wo bisher der Landschaftspflegehof der Region Hannover mühsam gegen unerwünschten Aufwuchs vorgehen musste, übernehmen in den nächsten zwei Wochen vierbeinige „Gärtner“ die Arbeit: Seit Anfang der Woche grasen 30 Moorschnucken von Schäfer Björn Frenzel im Auftrag der Region Hannover auf der Weißen Düne in Mardorf. Sie sorgen dafür, dass die Binnendüne ihr charakteristisches Erscheinungsbild behält.
Map data © OpenStreetMap contributors CC-BY-SA, Imagery © Mapbox
Westlich vom Badestrand am Nordufer schließt sich die Weiße Düne an, die nun wieder entwaldet werden soll

Bereits im Herbst 2018 begannen erste Arbeiten zur Renaturierung des Weißen Berges. Im dritten Bauabschnitt wurden im Herbst 2020, am Uferweg im Bereich zwischen dem Übergang Strandhotel und dem Übergang Leichte Brise, die Arbeiten fortgesetzt und Bäume entfernt. So sollen schrittweise wieder offene Grasflächen und Magerrasen innerhalb eines lichten Eichen-Kiefern-Waldes entstehen. Landschaftsbildprägende Gehölze sowie Bäume, die für den Artenschutz wichtig sind, bleiben dabei erhalten. 

 

Moorschnucken grasen auf der Binnendüne am Surfstrand in Mardorf

Nun wird die rund 1,4 Hektar große Fläche sowie zwei benachbarte Teile des Weißen Bergs von genügsamen Moorschnucken offen gehalten, teilte die Region in einer Pressemitteilung mit. So soll die Heidschnuckenart helfen, den ursprünglichen Zustand der Düne wiederherzustellen:
Noch vor 50 Jahren waren die jetzt wieder sichtbaren, spärlich bewaldeten Binnendünen mit vielen Sand- und Grasflächen typisch für die Landschaft am Nordufer des Steinhuder Meers, später wurden die Sandberge aufgeforstet oder landwirtschaftlich genutzt. Mit der Rückkehr der Binnendünen ist nicht nur ein besonderer Anblick für Besucherinnen und Besucher entstanden, sondern auch ein Lebensraum für seltene und hochspezialisierte Tierarten: Auf der Magerrasenvegetation zwischen einzelnen Eichen und Kiefern fühlen sich unter anderem Zauneidechsen, Schlingnattern und Kreuzkröten wohl.

 

Mittagsruhe bei den Moorschafen auf dem Weißen Berg am Nordufer des Steinhuder Meeres - Foto: Region Hannover

 

Tierische Unterstützung beim Artenschutz

Karte der renaturierten Flächen bei Mardorf am Weißen Berg

Um dieses Biotop zu erhalten, ist intensive Pflege nötig. Mit tierischer Unterstützung bei der Landschaftspflege hat die Region Hannover im Naturpark Steinhuder Meer bereits gute Erfahrungen gemacht: Seit fünf Jahren kämpft im Naturschutzgebiet Totes Moor eine kleine Heckrind-Herde erfolgreich gegen die Ausbreitung der invasiven Traubenkirsche. Schon seit 2003 halten Wasserbüffel die Feuchtwiesen im Meerbruch als Lebensraum für Amphibien und Wasserinsekten frei.

 

Offene Binnendüne - wertvoller Lebensraum

Binnendünen mit vielen offenen Sandflächen und nur wenigen Bäumen waren noch vor fünfzig Jahren charakteristisch für das Landschaftsbild am Nordufer des Steinhuder Meers. Obwohl bis zu 20 Meter hoch sind die heute aufgeforsteten oder landwirtschaftlich genutzten Sandberge kaum noch erkennbar. Mit einem Renaturierungsprojekt will die Region Hannover den ursprünglichen Zustand einiger Dünen wieder herstellen. Landschaftsbildprägende Gehölze sowie Bäume, die für den Artenschutz wichtig sind, werden erhalten. 

 „Ziel der Maßnahme ist es, den selten gewordenen Biotoptyp ‚offene Binnendüne‘ wieder am Nordufer entstehen zu lassen, der dann wertvollen Lebensraum für hoch spezialisierte Pflanzen- und Tierarten bietet“, erläutert Sonja Papenfuß, Leiterin des Fachbereichs Umwelt der Region Hannover: „Auch für die Besucherinnen und Besucher des Naturparks Steinhuder Meer ist die entstehende Dünenlandschaft eine Besonderheit, die sie auf ihren Spaziergängen erleben und genießen können.“ Auf Informationstafeln am renaturierten ersten Abschnitt der Weißen Düne wird das Projekt erläutert.

Um die im Laufe der Jahre in den Sandboden eingetragenen Nährstoffe zu entfernen, wird auch im zweiten Bauabschnitt zunächst die oberste Vegetationsschicht abgeschält und anschließend die obere nährstoffreiche Bodenschicht - ca. zehn Zentimeter dick – abge-schoben. Das Projekt „Freistellen bewaldeter Binnendünen“ mit geschätzten Kosten in Höhe von 80.000 Euro wird zu 100 Prozent aus EU-Mittel (Förderbereich strategischer Arten- und Biotopschutz - SAB) gefördert, da die seltenen Lebensraumtypen offene Binnendünen und Sandmagerrasen mit Silbergrasflur wieder hergestellt werden und Lebensraum für seltene Arten wie Zauneidechsen, Schlingnattern, Kreuzkröten und Bienenwölfe (Insekten) geschaffen wird.Insgesamt sollen Dünen mit einer Gesamtfläche von etwa vier Hektar in in Teilabschnitten renaturiert werden.

Um den Binnendünen-Charakter zu erhalten sind nach Abschluss der Arbeiten Pflegemaßnahmen erforderlich, da sich sonst Ruderalpflanzen, Neophyten und Pioniergehölze wieder ansiedeln und die konkurrenzschwache Magerrasenvegetation verdrängen

 

Hintergrund: Binnendünen am Steinhuder Meer

Noch vor 50 Jahren war der Weiße Berg eine spärlich bewaldete Binnendüne mit vielen Sand- und Grasflächen - histor. Postkarte, Quelle Region Hannover

Binnendünen sind während der Eiszeiten durch Wind entstanden. Nach dem Abtauen der Eismassen blieb in Niedersachsen eine flachwellige Landschaft zurück, die von einer lückenhaften Tundrenvegetation bedeckt war. Starke Westwinde konnten nahezu ungebremst die feinkörnigen Bodenpartikel wie Sand und Schluff davontragen. Mancherorts entstanden flache bis in die Nähe des Grundwasserspiegels reichende Senken. Auch das Steinhuder Meer ist teilweise auf solche Ausblasungen zurückzuführen.

Die verwehten Sande lagerten sich vor allem an der Nordkante des Steinhuder Meeres als Binnendünen ab. Abhängig von der damals vorherrschenden Windrichtung und -stärke bildeten sich verschiedene Formen aus: unregelmäßige Dünen, gut ausgebildete Längsdünen oder u-förmige Parabeldünen. Die meisten Binnendünen wurden in den vergangenen 200 Jahren aufgeforstet oder unterliegen einer landwirtschaftlichen Nutzung. Zahlreiche Namen wie Hespenberg, Diepholzberge, Schwarze Berge und Weiße Düne weisen noch heute auf die Entstehung hin.

 

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