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Tod im Eis von Stephan Rykena

Tod im Eis von Stephan Rykena
Ein Auszug aus dem Buch "Schaurige Funde" von Stephan Rykena. Mit freundlicher Genehmigung vom Verlag der Criminale, www.verlag-der-criminale.de ISBN 3-935284-780, in jeder Buchhandlung oder bei Amazon erhältlich.
»Und Sie sind ganz sicher, dass das Mädchen heute Nacht umgekommen ist?« Kriminalhauptkommissarin Petra Paulus musste ziemlich laut schreien, um gegen den höllischen Lärm, den der Motor mit dem riesigen Propeller hinter ihr erzeugte, anzukommen. Sie presste ihre Hände mit den dicken Handschuhen zum Schutz gegen den eisigen Fahrtwind auf ihre Wangen. »Das haben die Eissegler gesagt!«, rief er zurück. »Ist nun schon die dritte Leiche in diesem Winter!« Polizeimeister Stilte zuckte hilflos mit den Schultern. Der Hydrocopter, ein seltsames Gemisch aus Boot, Schlitten und Flugzeug ohne Flügel raste an diesem glasklaren, klirrendkalten Januarmorgen mit knapp 60 Stundenkilometern laut polternd über das dicke Eis des Steinhuder Meeres auf eine Gruppe von Menschen und Segeln zu, die sich zwischen der Insel Wilhelmstein und dem Beginn des Hagenburger Kanals befand. Die Morgensonne spiegelte sich glitzernd in dem blanken Eis. Krachend stoppte der Fahrer das Gefährt mit Hilfe zweier sich in das Eis bohrenden Dorne neben einer Gruppe von zehn Männern, die, in dicke Skianzüge gezwängt, zwischen ein paar Eisseglern standen und diskutierten. Zu ihren Füßen lag ein großes, gefrorenes blaues Bündel, das die Form eines Menschen hatte. Kommissarin Paulus bahnte sich einen Weg auf das blaue Bündel zu und wurde plötzlich, etwa drei Meter davor, heftig von einem kräftigen Arm zur Seite gerissen. Sie wollte gerade aufschreien, als eine nette, warme, offensichtlich zu dem starken Arm gehörende Stimme sagte: »Wenn Sie nicht die Nächste sein wollen, dann gehen Sie besser da außen rum.« Erschrocken sah Petra in das bartumrandete Gesicht, das aus der dicken Kapuze herausgrinste. »Hier sind überall Löcher im Eis, die man schon kennen muss, wenn man nicht so enden will«, fuhr die warme Stimme fort und zeigte dabei auf das blaue Bündel. Erst jetzt, nachdem sie sich befreit hatte, sah die Kommissarin, dass aus einer breiten, mit dünnem Eis überzogenen Spalte Wasser quoll, das den normalen physikalischen Gesetzen bei Temperaturen unter Null offensichtlich nicht folgen wollte. »Ist der Moorboden«, sagte ein gelber Skianzug mit blauer Pudelmütze und dicken Fausthandschuhen. »Ist schon so manchem zum Verhängnis geworden.« Die Paulus nickte. Sie war erst vor kurzer Zeit aus Göttingen zur Kripo in das Revier in der Amtsstraße in Wunstorf gekommen und kannte das Steinhuder Meer nur von einigen Sommerbesuchen mit ihrer Familie, als sie noch ein Kind gewesen war. Sie konnte sich noch gut an die Fahrten mit dem Tretboot erinnern und an das Planschen im moorig-braunen Wasser an der Badeinsel. Gefroren hatte sie das Steinhuder Meer erst bei ihrem Dienstantritt kennen gelernt. Polizeimeister Stilte führte sie zu einer Stelle, wo der Riss im Eis nur schmal war und sie tastete sich vorsichtig auf die andere Seite.

 

Sie kniete neben dem eisigen Bündel am Boden und sah in das glasige Gesicht einer jungen Frau. Zu der äußeren Kälte kroch nun auch noch ein kaltes Grauen in ihrem Innern hoch. Ihre Augen glitten über den gefrorenen Körper. »Wer hat sie gefunden?«, fragte sie in die Herrenrunde. Ein kleiner Mann in einem feuerroten Thermoanzug meldete sich zaghaft. »Ich war das. Ich bin mit meinem Eissegler über das Loch gefahren und wäre fast umgekippt. Ich hab dabei meine Sonnenbrille verloren und bin noch mal zurück und da sah ich was Blaues in dem Loch. Ich hab Erwin und Hans rangeholt und wir haben sie dann rausgezogen.« Erwin Soller und Hans Poste nickten zustimmend. »Ist bestimmt beim Schlittschuhlaufen eingebrochen. Wollte sicher einmal ganz übers Meer.« Kommissarin Paulus runzelte die Stirn. »Stilte, haben Sie nicht vorhin gesagt, die vermutliche Todeszeit sei nachts gewesen? Wer läuft denn nachts hier draußen Schlittschuh?« Stilte zuckte wieder hilflos mit den Schultern. »Die beiden Herren hier«, er zückte seinen Notizblock, »Herr Soller und Herr Poste, haben mir bei meinem ersten Eintreffen gesagt, dass sie sicher seien, dieses Loch hier gestern Nachmittag noch nicht gesehen zu haben. Sie seien genau hier langgefahren und da sei der Spalt noch nicht so breit gewesen.« Erwin und Hans nickten synchron. »Das hier ist unsere Strecke. Die fahren wir jeden Tag. Der Spalt muss heute Nacht aufgebrochen sein. War gestern noch nicht so breit. Gibt’s hier oft. Ist eben Moorboden.« Die Kommissarin drehte sich langsam einmal um die eigene Achse und sah die beiden mit schräggelegtem Kopf an. »Und woher wissen Sie in dieser Eiswüste, dass das genau hier war? Kann doch auch …« Erwin Soller unterbrach sie. »Sie sind nicht von hier, oder?«, fragte er die junge Kommissarin mit einem leicht aggressiven Unterton. »Wir kennen unser Meer und haben so unsere Anhaltspunkte. Wir sind Steinhuder. Wir sind hier aufgewachsen und segeln schon seit etlichen Jahren. Hier war gestern nur ein Spalt. Das steht fest, oder Hans?« Er brauchte Hans nicht einmal anzusehen, um sich dessen Zustimmung gewiss zu sein. Er schlug die Arme übereinander und sah die Kommissarin mit festem Blick an. Sie kannte noch nicht viel von dieser Gegend, aber was es bedeutete Steinhuder zu sein, das hatte sie schon gehört. Bei der Leiche wurden keine Papiere oder irgendwelche anderen Hinweise gefunden, die eine Identifizierung vor Ort möglich gemacht hätten, und in dem gefrorenen Zustand hätte auch kein herbeigerufener Arzt eine Untersuchung vornehmen können. So wurde die Leiche mit dem Hydrocopter nach Steinhude gebracht und von dort aus zur Gerichtsmedizin nach Hannover. Kommissarin Paulus fuhr zurück in die Amtsstraße nach Wunstorf und fertigte auf der alten Olympiaschreibmaschine ein vorläufiges Protokoll an. Es endete mit dem Satz: Vermutliche Todesursache: Ertrinken. Sie zog die Seite aus der Maschine und las sie nochmal durch. Es klopfte und Polizeimeister Stilte trat ein. »Entschuldigen Sie, Frau Kommissarin, aber die Eissegler haben mich, nachdem Sie schon auf dem Rückweg waren, noch auf etwas Interessantes aufmerksam gemacht. Einige Meter südlich vom Unfallort der jungen Frau gibt es Spuren eines Gefährts mit Kufen, vielleicht eines Schlittens, die sich am Eingang zum Hagenburger Kanal zwischen anderen frischen Spuren verlieren. Da es gestern Nachmittag leicht genieselt und am Abend gefroren hat, müssen die Spuren nach dem Regen im Dunkeln entstanden sein …« Frau Paulus drehte sich abrupt auf ihrem Drehstuhl um. »Mensch Stilte!«, rief sie. »Und das sagen Sie erst jetzt? Haben Sie sich diese Spuren selbst angesehen? Und warum enden die so weit vor der Unfallstelle?« Stilte zuckte wieder sein berühmtes Schulterzucken. Petra Paulus wurde schlagartig bewusst, dass sie die Sache ganz schön dilettantisch angegangen war. Spurensicherung war nun wirklich das Erste, was man als Polizeischüler lernte. Ihre einzige Entschuldigung war, dass dieses ihr erster Eisfall war. Neunzig Minuten später hatte sie alle notwendigen Informationen, die ihr sagten, dass es sich um keinen gewöhnlichen Eisunfall handelte. Die netten Herren von der DLRG hatten sie und Stilte noch mal in rasender Fahrt um die Badeinsel herum zu der Unfallstelle gefahren und sie hatten den Unfallort weiträumig nach Spuren abgesucht. Das Loch wies ungewöhnliche Bruchkanten auf, hatten die DLRG Männer festgestellt und die Spuren führten ganz klar darauf zu. Aber warum hörten sie so weit vor dem Eisloch auf? Und wo war der Schlitten, wenn es einer gewesen war? Kommissarin Paulus saß in ihrem Zimmer in der Wunstorfer Amtsstraße und sah auf die riesigen kahlen Bäume vor ihrem Zimmer, die im weißen Licht der Straßenlaternen ziemlich bedrohlich aussahen. Sie musste erst den Untersuchungsbericht aus Hannover abwarten, damit aus ihrem Unfall ein Fall wurde. Sie nahm ihre Collegemappe und ging in die Fußgängerzone. Die meisten Geschäfte schlossen bereits, obwohl es erst halb sieben war. Die langen Ladenöffnungszeiten hatten sich für die Wunstorfer Kaufleute nicht gelohnt, hatte sie im Stadtanzeiger, dem lokalen Wochenblatt, gelesen. Der eisige Abendwind trieb sie auf einen Cappuccino ins »Vis-à-Vis« in der Wasserzucht, eines der wenigen Lokale, das sie seit ihrer Ankunft in Wunstorf kennen und schätzen gelernt hatte. Alle Tische waren besetzt und so setzte sie sich an die Theke. Ein junger Mann neben ihr lächelte sie viel sagend an, aber sie war nicht in der Stimmung für einen Flirt und nahm sich eine Zeitung, die auf der Theke lag. Auf der Vorderseite der Lokalbeilage Leine Zeitung las sie die Überschrift: »Keine neue Spur im Neustädter Banküberfall«. Da sie der junge Mann immer noch von der Seite her fixierte, las sie auch den dazugehörigen Artikel, in dem es darum ging, dass die Ermittlungen im Zusammenhang mit dem Überfall auf die Sparkasse in Neustadt im November in eine Sackgasse geraten waren. Die Neustädter Kripo hatte etwa sechzig Spuren nach Hinweisen aus der Bevölkerung ergebnislos verfolgt. Nach einem zweiten Cappuccino ging die Kommissarin über das holprige Pflaster der Wasserzucht zu ihrer nahen Wohnung in dem riesigen Neubau neben der Abtei, der vielen Wunstorfern wegen seiner Lage ein Dorn im Auge war. Sie lebte allein, nachdem ihr Lebensgefährte bei einem Motorradunfall auf der Autobahn, ganz in der Nähe ihrer gemeinsamen Wohnung in Göttingen, tödlich verunglückt war. Obwohl sie erst Anfang dreißig und sehr hübsch war und sicher viele Männer gern mit ihr die schicke kleine Dreizimmerwohnung im Wunstorfer Zentrum geteilt hätten, wollte sie erstmal Abstand gewinnen und in der Provinz in einem kleinen Revier Basisarbeit leisten. Am nächsten Morgen nahm sie sich noch einmal ihre Notizen zu der Eisleiche vor. Irgendetwas stimmte an diesem Unfall nicht. Zu viele Fragen waren offen geblieben. Sie sah gerade grübelnd aus dem Fenster ihres Büros auf den gegenüberliegenden Sportplatz neben dem alten Freibad, als ein junger Kollege ihr ein Fax aus Hannover brachte. Es war der vorläufige Untersuchungsbericht der Eisleiche. Die junge Frau war nicht im Eis ertrunken, sondern einige Stunden vor ihrem kalten Bad an einer Überdosis Heroin gestorben. Sie trug Schlittschuhe der Größe 43 an den Füßen, obwohl sie normalerweise Größe 39 benötigte, und aus den Kleidungsstücken, die man ihr nach ihrem Tode angezogen hatte, waren alle Markenzeichen herausgerissen worden. Es gab keinerlei Hinweise auf ihre Identität, weder Schmuck noch andere Wertgegenstände. Die Tote war zirka zwanzig Jahre alt. Auf ihrem linken Oberarm waren die Worte »no future« laienhaft eintätowiert. Kommissarin Paulus klopfte mit den Fingerspitzen auf den Schreibtisch und sagte kopfschüttelnd:»Ich hab doch gewusst, dass da was faul ist.« Erst dann bemerkte sie, dass der junge Mann, der ihr das Fax gebracht hatte, noch im Raum war. Er stand kerzengerade in der Nähe der Tür und hatte die Hände vor dem Körper übereinander gelegt. »Ist noch was?«, fragte Frau Paulus und drehte sich ihm zu. »Ich … ich …«, stammelte der junge Mann etwas verlegen. »Hauptkommissar Schüler meinte, ich solle Ihnen helfen, wenn’s einen Fall gibt. Und ich dachte …« Petra Paulus lächelte ihn freundlich an. »Und nachdem Sie das an mich gerichtete Fax gelesen hatten, dachten Sie, dass das jetzt ein FALL sei.« Sie zog die Augenbrauen hoch und kniff die Lippen zusammen. »Und wahrscheinlich haben Sie Recht. Ich könnte Hilfe gebrauchen.« Der junge Mann wurde noch gerader und konnte seine Freude kaum verhehlen. »Ich habe gerade meine Ausbildung......" stotterte er. "Mein Name istUlli, äh Ulrich Werschow. Ich fände es prima, mit Ihnen an dem Fall arbeiten zu können.« Ein paar Stunden später hatte Petra Paulus dafür gesorgt, dass Neu-Kriminal-KommissarWerschow einen kleinen Schreibtisch in ihrem Amtszimmer hatte und dass er sich das ewige Frau Hauptkommissarin schon fast abgewöhnt hatte. Sie hatten an der Pinnwand alles, was sie über den Fall wussten – auf kleine Zettel geschrieben – aufgehängt. Als Nächstes sollte Werschow nach Hannover fahren und den vollständigen Untersuchungsbericht und ein paar Fotos der Leiche mitbringen. Hauptkommissarin Paulus fuhr zunächst einmal nach Hagenburg an den Kanal und dann nach Steinhude zur DLRG. In der »Hafenklause«, der Stammkneipe der DLRG-Leute, aß sie mit Ernst Kartuschke, einem der Hydrocopterfahrer, eine vorzügliche Aalsuppe und trank, entgegen aller Dienstvorschriften, einen Korn dazu. Kurz danach war sie um einiges schlauer. Die Leiche war wahrscheinlich auf einem Schlitten von Hagenburg aus nachts aufs Meer gebracht worden, wo der Transporteur einen schon vorhandenen Spalt mit einem Gegenstand zu einem Loch erweitert hatte. Als er die Leiche ins Wasser warf, schwappte das Wasser aus dem Loch aufs Eis, verwischte die Spuren in der Nähe und gefror später wieder. Auf der Rücktour war der Schlitten leer und hinterließ keine Spuren. Die Schlittschuhe und der Schneeanzug am Opfer sollten wohl einen Eisunfall vortäuschen. Auf der Rückfahrt durch Großenheidorn fielen der Kommissarin etliche ungeklärte Fragen ein: Wer war die junge Frau? Wozu dieses Täuschungsmanöver, wenn sie doch an einem goldenen Schuss gestorben war? Warum durfte sie nicht ganz normal gefunden werden? Wo war sie gestorben? An der Ampelkreuzung an der Hagenburger Straße gab es mal wieder den alltäglichen Stau. Er gab der Kommissarin Gelegenheit, alle Fragen auf kleine Zettel für die Pinnwand zu schreiben. Viel mehr als der vorläufige Untersuchungsbericht gab auch das Endergebnis nicht her. Paulus undWerschow entschieden daher, es mit einer Veröffentlichung der Fotos der Leiche in der Hannoverschen Presse zu versuchen. Vielleicht kannte ja jemand die Tote. In der Zwischenzeit durchstöberte Werschow die Vermisstenlisten und fand drei junge Frauen, deren Beschreibungen auf die Tote zutreffen konnten. Allerdings wurde nie eine Tätowierung genannt. Die Kommissarin überprüfte die Liste polizeibekannter Fixer in der Stadt Hannover und im Landkreis. Aber auch hier kam sie nicht weiter. Abends lud sie Werschow auf ein Bier im »Vis-à-Vis« ein und erfuhr einiges über ihre neue Heimat. Werschow hatte die ersten zwölf Jahre seines Lebens in Kolenfeld verbracht, bevor er mit seinen Eltern nach Ostfriesland gezogen war. Er war per Zufall zwei Monate zuvor wieder in Wunstorf gelandet, nachdem er an der Polizeischule in Hannoversch-Münden seine Prüfung mit Glanz bestanden hatte. »Diesen riesigen Bau, in dem Sie da wohnen, gab es noch nicht, als ich hier wohnte«, sagte er. »Und soviel ich weiß, finden ihn auch fast alle schrecklich, weil er das ganze Stadtbild verschandelt. Ansonsten hat sich Wunstorf ganz schön rausgemacht in den Jahren. Wenn ich mal fertig bin, möcht ich schon gern hier bleiben.« Werschow wohnte in einem kleinen Appartement in der Nordstadt gleich bei der Aueschule. Er begleitete die Kommissarin noch durch die Wasserzucht bis vor ihre Haustür. Der nächste Tag brachte eine große Überraschung. Morgens hatte die Neue Presse auf der Titelseite unter der Überschrift »Unbekannte Tote im Eis« das Bild der jungen Frau gebracht und schon nachmittags bekamen die beiden Ermittler ein Fax der Zeitung. Ein anonymer Anrufer hatte den Namen der jungen Frau und eine »Insel Bärbel« genannt, mehr nicht. Die Zeitung wünschte der Kripo netterweise noch viel Erfolg. Auf Rückfrage erfuhr Anwärter Werschow außerdem, dass es ein männlicher Anrufer mit krächzender Stimme gewesen sei. Das war alles. Der Name der Toten, Sonja Klose, tauchte im Polizeicomputer nicht auf, weder als vermisst, noch als gemeldet oder gar kriminalpolizeilich erfasst. Werschow konnte sich selbst als ehemaliger Kolenfelder an keine Insel Bärbel irgendwo in der Nähe erinnern. Es gab seines Wissens nur den Wilhelmstein und die Badeinsel. »Gibt’s hier irgendwo ‘ne Insel Bärbel oder so?«, fragte er den Kontaktbeamten Werter. »Oder vielleicht irgendeine Kneipe, die so heißt?« Werter schüttelte nachdenklich den Kopf. »Nee«, meinte er. »Wüsst ich nicht. In Blumenau gibt’s noch ‘ne Insel«, sagte er schmunzelnd, »aber das ist mehr so’n Spaß der Bewohner. Sind die Häuser, die zwischen zwei Auearmen liegen. Nennen sich Insulaner. Kollege Schubi, der kennt hier in der Gegend allerdings jeden Stein. Den müssen Sie mal fragen.« Schubi kannte die Insel Bärbel. »Großenheidorner Strand«, sagte er. »Am Ende von der Strandallee stehen noch zwei Häuser auf so ‘ner kleinen Insel. Nennt sich Insel Bärbel. Eins von den Häusern gehört so’m reichen Typen aus Kassel oder Göttingen. Der ist aber nie da. Das andere verfällt schon seit ein paar Jahren. Da steht so’n Wohnmobilwrack im Garten. Mein Cousin hat sich mal dafür interessiert. Gehört irgend so einer zerstrittenen Erbengemeinschaft. Die meisten Häuser da stehen im Winter leer. Sind Ferienhäuser, wenn man das so nennen will. Zum Teil Riesenkästen.« Obwohl es schon dunkel wurde, wollte Werschow sofort nach Großenheidorn fahren, um nach irgendwelchen Hinweisen zu suchen. Als Kind waren seine Eltern manchmal sonntags mit ihm nach Großenheidorner Strand zum Spazierengehen gefahren. Der Radweg ums SteinhuderMeer führte auch durch den Ortsteil. Aber die Kommissarin hatte eine andere Aufgabe für ihn. Er sollte zunächst in Wunstorf herausfinden, ob jemand die tote Sonja Klose gekannt hatte. Sie zog derweil die größeren Kreise per Computer und Telefon und erfuhr dabei etwas Interessantes, das am nächsten Morgen dann auch die Titelseite der Leine-Zeitung beherrschte: »Einer der Neustädter Bankräuber war eine Frau«. Die Kollegen in Neustadt hatten kurz nach dem Erscheinen des Fotos der Eisleiche in der Neuen Presse noch einmal genau das Sparkassen-Video studiert und waren zu der Erkenntnis gekommen, dass einer der Täter eine Frau gewesen sein musste. Werschow war leider nicht so erfolgreich gewesen. Niemand hatte Sonja Klose in Wunstorf gesehen. Gemeinsam fuhren die Kommissarin und er schließlich zur »Insel Bärbel« nach Großenheidorner Strand. Alles wirkte zu dieser Jahreszeit wie ausgestorben. Die riesigen, luxuriösen Ferienhäuser waren verrammelt, und unter Planen oder Carports standen die protzigen, zum Teil hochseetüchtigen Jachten, auf denen die meist auswärtigen Besitzer im Sommer Kaffee trinkenderweise ihren Reichtum demonstrierten, ohne je die Möglichkeiten dieser herrlichen Dickschiffe ausgelotet zu haben. Am Ende der Strandallee ging es über eine kleine Brücke auf die Insel Bärbel. Der Unterschied der beiden Häuser hätte größer nicht sein können. Das eine war wohl tatsächlich mal ein Ferienhaus gewesen. Der ehemals dunkelgrüne Anstrich blätterte überall ab und das Dach brauchte mal wieder eine neue Lage Teerpappe. Die geschlossenen Fensterläden hingen schief in den Angeln. Ein Fenster war notdürftig mit einer alten Tür vernagelt worden. Der Garten war völlig verwildert. Ein verrostetes Hanomag Wohnmobil stand mit zwei platten Reifen links vom Haus am Gartenzaun. Das andere Haus war doppelt so groß und von einer halb hohen weißen Mauer umgeben. Der Garten war sehr gepflegt. Zur schweren Eichenhaustür führte ein buchsbaumgesäumter Sandsteinplattenweg. Rechts ans Haus war ein doppelter Carport angebaut, an der Wasserseite sah man einen großen Wintergarten mit teuren Möbeln. Alle Außenjalousien waren sorgsam geschlossen. Paulus undWerschow beschlossen, zunächst das kleine, verwahrloste Haus zu inspizieren. Hatte Sonja Klose hier ihre letzten Stunden verbracht? Die Gartenpforte im Jägerzaun hatte sich im Laufe der Jahre so gesenkt, dass sie sich nur mit einem kräftigen Ruck, auf dem Boden scharrend, öffnen ließ. Blätter und Grashalme bedeckten den Weg zum Haus. Das Vordach an der Haustür war zusammengebrochen und versperrte den Eingang. »Hier ist auf jeden Fall lange niemand gelaufen«, stellte Werschow scharfsinnig fest. »Keine Spuren im Laub und das Dach hängt auch schon lange so, wie man an den verfaulten Stützbalken sieht. Vielleicht gibt’s ja noch ‘ne Hintertür?« Sie sahen sich die Wasserseite oder vielmehr – zu dieser Jahreszeit – die Eisseite des Hauses an und hörten plötzlich ein schepperndes Geräusch. Werschow spurtete sofort los, kam aber mit einem Lächeln nach kurzer Zeit wieder zum Vorschein. »Katze«, sagte er leicht enttäuscht. »Aber da um die Ecke ist noch ‘ne Tür.« Diese Tür war mit Sicherheit vor gar nicht langer Zeit benutzt worden. Sie führte in einen angebauten Schuppen, der keine Verbindung zum Hausinneren hatte. Er war voll gepfropft mit Dingen, die sich wahrscheinlich in Tausenden von Schuppen rund ums Meer fanden. Ein Rasenmäher, ein altes Surfbrett, Segel, Gartengeräte, verrostete Schlittschuhe zum Unterschnallen, Arbeitshandschuhe, Werkzeug und, und, und. Nichts Besonderes. Alles dick mit Staub bedeckt. Auf dem Boden waren frische Fußspuren zu erkennen. Eine Plane, unter der Gartenmöbel standen, musste jemand vor nicht langer Zeit angehoben haben, denn der Staub war heruntergerieselt. »Hier hat jemand etwas rausgenommen«, stellteWerschow wieder fachmännisch fest. »Irgendwas Viereckiges hat auch noch unter der Plane gestanden.« Im Staub auf dem Fußboden gab es zwei einzelne kleine und einen länglichen Abdruck in Form eines Vierecks. Sie gingen wieder hinaus in die Januarsonne und sahen sich um. »Tolle Wohngegend hier«, meinte die Kommissarin. »Was hier wohl so’n Grundstück kostet? Mit Bootsanleger gleich vor der Tür und im Winter Eissegeln.« Sie sog die Luft ein und seufzte. »Von unserer Gehältern nie zu bezahlen. Also was soll’s, Kollege. Machen wir weiter.« Nachdem sie das alte Haus und das Wohnmobil genauer inspiziert hatten stand fest, dass dort wohl schon lange niemand mehr gewohnt hatte. Nichts, außer den Spuren im Schuppen, deutete auf irgendwelche Besucher hin. Sie gingen zum Nachbarhaus und klingelten. Niemand öffnete. Auch die anderen Häuser im Umkreis waren unbewohnt und so gingen sie erstmal im nahen Gasthaus einen Kaffee trinken. Auch dort erfuhren sie nichts, was ihnen weiterhelfen konnte. »Das alte Haus ist ein Schandfleck«, meinte der Wirt. »Das Grundstück allein ist ein paar Hunderttausend wert. Der Altinger daneben hat für seins vor drei Jahren schon ‘ne halbe Million gezahlt. Der würde das andere auch sofort dazukaufen, hat er noch vor zwei Wochen hier am Stammtisch erzählt, aber die Besitzer woll’n nicht verkaufen.« Die beiden Ermittler rührten stumm in ihren Tassen herum. »Diese Insel muss aber irgendwie eine Rolle in unserem Fall spielen«, sagte Werschow plötzlich in seine Kaffeetasse hinein. »Warum hätte dieser Anrufer …?« »Vielleicht ist das gar nicht die richtige Insel oder der Zeitungsmensch hat sich verhört. Wir müssen erstmal zurück nach Wunstorf und nochmal neu sortieren.« Petra Paulus fror und war frustriert, weil sie irgendwie den Faden verloren hatte. Sie brauchte erst einmal ein Gesamtbild aller zu diesem Fall gehörenden Fakten. In ihrem warmen Büro in der Amtsstraße hängte sie einen großen weißen Papierbogen an die Wand. Sie gab Werschow einen dicken Filzstift und forderte ihn auf, alles, was zu ihrem Fall gehören konnte, darauf zu schreiben. Tote im Eis, Banküberfall Neustadt, Mann und Frau, Überdosis Heroin, Schlittschuhe, Insel Bärbel, Sonja Klose, Schneeanzug, Schlitten. Werschow hatte das letzte Wort noch gar nicht ausgeschrieben, da sprang die Kommissarin auf. »Schlitten, Werschow, Schlitten!«, rief sie. »Der Abdruck in dem Schuppen! Erinnern Sie sich? Da hat ein Schlitten gestanden, klar!« Sie sprang an das große Papier und malte das Muster aus dem Staub auf. »Sehen Sie?«, sagte sie aufgeregt. »Hier die Kufenenden und da die Leistenreihe. Ich hab die ganze Zeit an das fehlende Teil aus dem Schuppen gedacht. Wir haben was übersehen, Werschow. Morgen müssen wir da wieder hin! Jetzt ist es schon zu dunkel.« Sie schrieb noch »Tätowierung« und »Altinger« auf den Papierbogen und die beiden spekulierten noch ein wenig herum, ohne jedoch den entscheidenden Schritt vorwärts zu kommen. Spät am Abend klingelte bei Kommissarin Paulus in ihrer Wohnung am Stadtgraben das Telefon. " Werschow«, meldete sich eine aufgeregte Stimme. »Ich hab noch mal, nur so als Versuchsballon, den Namen Altinger in den Computer eingegeben und bin auf etwas Interessantes gestoßen.« Die Kommissarin war etwas überrascht. »Wo sind Sie denn?«, fragte sie. »Etwa noch im Revier?« Werschow erklärte ihr, dass er noch bei Bekannten in Steinhude gewesen sei und irgendwie sei das Gespräch darauf gekommen, dass die alten Ferienhäuser am Meer alle so langsam verschwänden und immer mehr Villen entstünden. Und da sei auch der Name Altinger gefallen und dass das ein ziemlich unangenehmer und arroganter Typ sei, der Bordelle in Göttingen und Kassel habe und von seinem riesigen Segelboot aus im Sommer immer die Surfer anpöbele. »Tja, und da bin ich dann auf dem Rückweg nochmal ins Revier und hab den Computer angeschmissen. Und da war er: Fritz Altinger, 52, geboren in Barsinghausen, vorbestraft wegen Körperverletzung, Förderung der Prostitution, Hehlerei und Drogenhandel. Hat insgesamt fünf Jahre gesessen. In den letzten vier Jahren keine Eintragung. Wohnt jetzt in Göttingen.« Die Kommissarin pfiff anerkennend in den Telefonhörer. »Pow, nicht schlecht Kollege. Das ist doch was. Morgen früh legen wir wieder los. Ich glaub, wir sind nah dran.« Sie trank noch einen Gute-Nacht-Rotwein und ging zufrieden ins Bett. Am Morgen war sie kaum in der Amtsstraße angekommen, als auch schon das Telefon auf ihrem Schreibtisch klingelte. Es war ein Kollege aus Neustadt. »Tag. Polster, Kripo Neustadt. Sie bearbeiten doch den Fall mit der Eisleiche, Frau Kollegin?«, legte die Stimme aus Neustadt gleich los. »Haben Sie da schon irgendwelche Verbindungen zu unserem Bankraub festgestellt?« Kommissarin Paulus erzählte ihm, was sie bisher wusste und auch über Werschows Erkenntnisse über diesen Altinger. »Ist ja interessant«, bemerkte der Neustädter Kollege. »Passt gut zu der Neuigkeit, die ich für Sie habe. Es ist nämlich Geld aus dem Neustädter Bankraub in einem Göttinger Schmuckgeschäft aufgetaucht. Eine Kundin hat damit eine teure Uhr bezahlt. Die Göttinger Kollegen haben uns eine Beschreibung der Kundin und ein Bild der Uhr zugefaxt. Vielleicht haben Sie ja Interesse?« Zehn Minuten später lag das Fax aus Neustadt auf Frau Paulus’ Tisch. Sie informierte Werschow schnell über alle Neuigkeiten und benutzte dann die kurze Schiene zu ihren ehemaligen Kollegen in Göttingen. Sie erfuhr zwar nicht mehr über die ominöse Käuferin, dafür aber noch so einiges über Altinger, der den Kollegen sehr gut bekannt war. »Und der wohnt jetzt bei euch?«, ketzte Hans Schmieder, ihr ehemaliger Lieblingskollege im Revier in der Prinzenstraße. »Na, da habt ihr ja ‘nen dollen Fang gemacht.« Trotz des lange angekündigten Eisregens fuhrendie Paulus und Werschow gegen Mittag wieder über Klein Heidorn nach Großenheidorner Strand. Vor dem Altinger Haus stand ein roter Jaguar mit Kasseler Kennzeichen. Sie parkten ihren Wagen in der Strandallee und gingen über die kleine Brücke auf die Insel. Zunächst überprüften sie ihre Schlittentheorie in dem Schuppen an dem alten Ferienhaus. Kein Zweifel, unter der Plane hatte ein Schlitten gestanden. Der Abdruck war ziemlich eindeutig. Dann wollten sie gerade nach Fußspuren vom Schuppen aus suchen, als sich im Nachbarhaus etwas regte. Eine gut aussehende, junge Frau im Pelzmantel trat laut lachend aus der Haustür. Eine Stimme aus dem Hausinneren rief, sie solle noch Sekt mitbringen. Kommissarin Paulus stieß ihren Kollegen an. »Das ist sie«, flüsterte sie leise. »Die Frau vom Fax. Die Beschreibung passt.« Werschow nickte. Die Frau ging zu dem Jaguar in der Hauseinfahrt und fuhr ab. Werschow fand heraus, dass es Spuren vom Schuppen zum Nachbargrundstück gab. Sie klingelten und ein gut aussehender Mann mittleren Alters öffnete schwungvoll die Tür. »Was hast du denn jetzt schon wieder …?«, begrüßte er die beiden Kriminalbeamten und sah dann ziemlich erstaunt in ihre Gesichter. »Herr Altinger?«, fragte die Kommissarin und sein Gesicht verdunkelte sich. »Kripo Wunstorf. Mein Name ist Paulus und das mein Kollege Werschow. Wir hätten ein paar Fragen an Sie. Können wir hereinkommen?« Altinger wollte zunächst ihre Ausweise sehen, ließ sie dann aber rein. Das Haus war geschmackvoll und teuer eingerichtet. Altinger führte sie in den Wintergarten. »Worum geht’s?«, fragte er mürrisch. »Ich habe nicht viel Zeit. Ich erwarte einen Geschäftspartner und muss noch ein paar Unterlagen sichten.« Die Kommissarin fragte ihn, ob er in der letzten Zeit jemanden im Nachbarhaus gesehen habe oder ob ihm sonst etwas dort aufgefallen sei. Altinger erklärte, er sei in den letzten vier Wochen überhaupt nicht in Großenheidorn gewesen. »Geschäfte«, meinte er lapidar. »Ich komm gar nicht dazu, das Haus hier zu nutzen.« Werschow zückte seinen Notizblock. »Und warum wollen Sie dann das Nebengrundstück dazukaufen? Ich mein, wenn Sie sowieso nie da sind?« Altinger sah ihn erstaunt an und Werschows Chefin schien nicht minder überrascht. »Sie sollen erst vor zwei Wochen in der Kneipe am Stammtisch geäußert haben, dass Sie sich für das Nebengrundstück interessieren«, fuhr Werschow fort und genoss die Überraschung, die seine Worte auslösten. »Das hat der Wirt vom ›Golden Anker‹ gesagt.« Altinger kratzte sich nervös am linken Arm und stand auf. »Haben Sie sich den Misthaufen nebenan mal angesehen?«, fragte er und ging zu einem Eichenschränkchen. »Mich interessiert nur das Grundstück. Die Hütte lass ich abreißen.« Er nahm eine Whiskyflasche aus dem Schränkchen und bot den beiden Ermittlern etwas an. Sie lehnten dankend ab. Er selbst schenkte sich reichlich ein. »Haben Sie nun jemanden gesehen oder nicht?«, bohrte Werschow weiter. »Es muss jemand vor kurzer Zeit an dem Schuppen gewesen sein.« Altinger setzt sich wieder. »Setzt man jetzt schon teure Kripobeamte ein, wenn in den Schuppen einer Bruchbude eingebrochen wird?«, fragte er aggressiv. »Worum geht es hier eigentlich? Hat diese Erbengemeinschaft mich mal wieder angeschwärzt?« Kommissarin Paulus lehnte sich vor und sah Altinger prüfend an. »Warum beantworten Sie eigentlich keine unserer Fragen? Und warum behaupten Sie, seit vier Wochen nicht hier gewesen zu sein, wo es doch nur um einen Schuppen auf dem Nachbargrundstück geht, aus dem, nebenbei gesagt, übrigens nur ein Schlitten gestohlen wurde?« Altinger nahm einen tiefen Schluck, und die beiden Ermittler bemerkten, dass er nervös war. »Und wozu dann dieser Auftritt?« Er stand auf und ging zur Tür. »Ich habe nichts gesehen und jetzt entschuldigen Sie mich bitte. Mein Besucher wird gleich kommen.« Auf der Rückfahrt sahen sie den Jaguar vor dem Bäckerladen in Großenheidorn stehen. Werschow stoppte den Wagen vor der Volksbank gegenüber. Er sah sich noch einmal genau das Fahndungsfax aus Göttingen an und nahm seine Uhr ab. »Was haben Sie vor?«, fragte ihn die erstaunte Kommissarin, während er die Autotür öffnete. »Werden Sie schon sehen!«, rief er ihr im Aussteigen zu und ging auf den Bäckerladen zu. Genau in demselben Augenblick trat die junge Frau aus dem Altinger-Haus aus der Tür. Werschow sprach sie an und deutete auf seinen blanken Arm. Die junge Frau lächelte ihn viel sagend an, schob den Ärmel hoch und sah auf ihre Uhr. Werschow bedankte sich und ging in den Laden. Die Frau fuhr ab. »Bingo«, rief Werschow lachend, als er wieder ins Auto kam. »Sie hat die Uhr aus dem Juweliergeschäft in Göttingen sogar um.« Die Kommissarin sah ihn anerkennend an. »Sie sind ja ein Fuchs«, sagte sie. »Und was machen wir nun mit dieser Erkenntnis?« Werschow grinste. »Vielleicht fahren wir nochmal zurück zu Altingers Haus und konfrontieren ihn mit der ganzen Sache.« Die Kommissarin war einverstanden. Werschow wendete und fuhr über die Waldstraße, vorbei an ein paar merkwürdig asiatisch anmutenden Häusern, die so gar nicht in die Gegend passten, zurück nach Großenheidorner Strand. Der Jaguar stand rückwärts in der Einfahrt. Die Kofferraumhaube war geöffnet und die Haustür stand offen. Die beiden Ermittler parkten den Wagen in der Einfahrt eines unbewohnten Hauses und beobachteten das Haus. Altinger lud einen großen Karton in den Kofferraum und fuhr los, direkt an dem Wagen der Ermittler vorbei. Die Kommissarin stieg aus und Werschow folgte dem Wagen. Die Kommissarin ging zum Haus und klingelte. Die junge Frau öffnete und die Kommissarin überrumpelte sie quasi, indem sie direkt an ihr vorbei ins Haus trat. Nach kurzer Zeit hatte sie die junge Frau weich gekocht und forderte über ihr Handy Verstärkung vom Revier in Wunstorf an. Werschow folgte derweil dem Jaguar, der eine Weile planlos durch Wunstorf fuhr und dann über die Hagenburger Straße Richtung Altenhagen fuhr. In Hagenburg bog der schwere Wagen in Richtung Kanal ab. Am Jachthafen hielt er an. Es war inzwischen schon fast wieder dunkel und ein eiskalter Nebel zog auf. Altinger stieg aus und ging über einen Steg aufs Eis in den Teil des Kanals, der von Schiffen nichtbefahren werden darf. Werschow hatte Mühe, ihn hinter den abgestorbenen Schilfhalmen erkennen zu können. Altinger sah sich um und ging zurück zum Wagen. Er drehte sich noch mal um. Ein paar Jugendliche fuhren auf dem Hauptweg vom Schlittschuhlaufen nach Hause. Altinger zog Handschuhe an, öffnete den Kofferraum, stellte den Karton auf den Boden und nahm etwas Großes heraus. Dann stellte er den Karton zurück in den Wagen. Er ging zum Eis und verschwand wieder hinter den Schilfhalmen. Werschow hörte ein leises Plätschern und Gurgeln. Altinger kam zurück auf den Steg, stieg ins Auto und fuhr mit durchdrehenden Reifen ab. Werschow nahm eine Taschenlampe und ging durch den dicker werdenden Nebel zu der Stelle, an der Altinger gewesen sein musste. Er sah eine große, offene Stelle im Eis und wollte sich gerade herantasten, als sein Handy klingelte. Es war seine Chefin. »Werschow«, sagte sie erleichtert. »Wo sind Sie? Sind Sie noch an Altinger dran?« Werschow erzählte ihr, wo er war und was passiert war. »Der ist hier an ein Entenloch gegangen und hat wahrscheinlich den Schlitten versenkt«, sagte Werschow, während er versuchte etwas im Wasser zu erkennen. »Und dann ist er wieder weggefahren. Wahrscheinlich zurück zu seinem Haus. Ich wollte gerade die Spurenermittler bestellen.« Die Kommissarin erzählte ihm, dass die junge Frau wie ein Wasserfall geplaudert habe und dass da irgendwo im Eis noch eine Leiche aus dem Haus auf der Insel sein müsse. Petra Paulus entschied, Altinger einen Überraschungsempfang zu bereiten. Sie bat die eintreffenden Kollegen, ihr Fahrzeug in einer Nebenstraße zu parken. Die junge Frau wurde in eines der oberen Zimmer gebracht. Die Beamten versteckten sich in den unteren Räumen. Einige Zeit später fuhr der Jaguar in die Auffahrt. Altinger nahm einen Karton, der ziemlich schwer zu sein schien, aus dem Jaguar und ging überraschenderweise zu dem alten Haus nebenan. Die Kriminalbeamten hinter den Vorhängen in seinem Haus hörten ein leises Klirren und Knarren und dann war Stille. Beim Blick aus dem Küchenfenster sah die Kommissarin Licht in dem alten Haus. Vorsichtig schlich sie sich aus dem Wintergarten an die Rückseite des alten Gemäuers. Durch einen Spalt sah sie Altinger drinnen, im Lichtschein einer Taschenlampe, wild hantieren und immer wieder in den Karton fassen. Die Kommissarin ging zurück ins Haus und bat einen der Kollegen, die Rückseite des Grundstücks zu sichern. Dann riss sie mit gezogener Waffe, zusammen mit einem anderen Kollegen, die nur angelehnte, aufgebrochene Haustür des alten Hauses auf. Altinger drehte sich überrascht um. Er war gerade dabei, mehrere Kerzen in kleinen Plastikschälchen zu befestigen. Auf dem Tisch standen Konservendosen verschiedenster Art. Dosenmilch, Wasserflaschen, Nescafe und ein Benzinkanister waren noch in dem Karton. »Guten Abend Herr Altinger. Wollen Sie jetzt hier einziehen?«, fragte die Kommissarin. »Wofür braucht man denn Benzin in diesem Haus?« Altinger leistete keinen Widerstand angesichts der Übermacht, verlangte aber sofort nach einem Anwalt. Es war aber ziemlich klar, was er vorhatte. Die Lebensmittel, die eingeschlagene Scheibe und die aufgebrochene Tür sollten vortäuschen, dass jemand illegal in dem Haus gewohnt hatte. »Und die Schälchen mit den Kerzen sollten wohl noch mit Benzin gefüllt werden und so, zeitverzögert, das Haus in Brand setzen?«, fragte Polizeimeister Stilte, als er mit der Kommissarin und dem Anwärter eine Woche später den endgültigen Abschluss des Eis-Leichen-Falles beim Griechen in der Nordstraße feierte. Die Kommissarin nickte. »… während Altinger und seine Freundin sich irgendwo mit sicherem Alibi aufhielten. Ein dilettantischer Versuch, das drohende Unheil abzuwenden. Aber ehrlich gesagt, ohne die Plaudereien von Altingers dämlicher Freundin wären wir wohl nie so ganz durchgestiegen. Es fehlte uns einfach die Verbindung von dem Bankräuberpärchen zu Altinger.« Sie nahm noch einen Schluck von dem köstlichen Rotwein. »Ich, als flüchtender Bankräuber, wäre mit Sicherheit auch eher in das kleine, alte Haus eingebrochen, als in diesen Feudalschuppen von dem Altinger, um mich zu verstecken. Ich hätte bei der Villa sofort auf ‘neAlarmanlage oder so getippt.« Werschow wog zweifelnd den Kopf. »Andererseits fällt plötzliches Leben in so einer Bruchbude aber eher auf,« bemerkte er fachmännisch. »Fatal für die beiden Laienbankräuber war doch eigentlich nur, dass Altinger in sein Ferienhaus kam und sie entdeckte. Und leider waren sie bei ihm an einen Profi-Kriminellen geraten. Der zeigte sie nicht an, sondern kombinierte gleich die richtigen Verbindungen zu dem Bankraub in Neustadt und dass die beiden drogenabhängig waren..« »… um ihnen dann seine Ware anzubieten«, warf Stilte ein. Die Kommissarin bestellte noch eine Flasche Wein. »Und wenn die Kleine aus dem Eis sich nicht ‘ne Überdosis gespritzt hätte, hätte Altinger ihnen in Ruhe die ganze Beute abnehmen, sie irgendwann im Rausch ins Auto laden und im Harz oder so aussetzen können. Ganz einfache Sache. Die hätten gar nichts machen können.« Werschow bestellte sich noch ein Eis. »So hatte er aber leider einen drogensüchtigen Bankräuber und eine Leiche im Haus.« Stilte hörte interessiert zu. »Die Idee mit der Eisleiche war gar nicht so schlecht, wenn sie nur nicht so schnell gefunden worden wäre. Und die Klamotten hätten natürlich passen müssen. Aber da haben sie wohl in der Eile nichts anderes gefunden. Altinger besaß ja auch keinen Schlitten, wie wir wissen.« Werschow grinste seine Chefin an. »....und der Bankräuber keinen Wagen , um die Leiche abzutransportieren. Und so schafften Altinger und der Bankräuber die Leiche der jungen Frau gemeinsam weit weg nach Hagenburg, weil man dort gut, unbemerkt, fast bis ans Eis ranfahren kann. Und dann haben die beiden die Leiche mit dem Schlitten zu Fuß auf’s Meer gezogen. » »Im Dunkeln ganz schön gefährlich,« sagte Stilte. »Entweder man riskiert in so eine Bruchstelle einzubrechen oder man läuft Gefahr, dass jemand den Taschenlampenschein sieht.« »Es hatte genieselt und es war stockdunkel und eiskalt«, erwiderte Werschow. »Da war niemand draußen. Die beiden haben dann eine Bruchstelle mit ‘nem Beil oder so was erweitert und die Leiche unter das Eis geschoben. Dabei ist wahrscheinlich Wasser aus dem Riss geschwappt und hat die Spuren verwischt. Zurück war der Schlitten so leicht, dass er keine Spuren hinterließ.« »..und dann hat Altinger......?«,Stilte sah die Kommissarin erwartungsvoll an und nahm einen Schluck Rotwein. Petra Paulus runzelte die Stirn. »Tja also, nach Altingers Aussage haben sie sich auf dem Rückweg verlaufen und dabei ist der junge Mann in das Entenloch gefallen. Altinger habe ihm nicht helfen können. Vielleicht hat Altinger aber auch seine Chance genutzt, ihn in das Loch gestoßen und verhindert, dass er wieder herauskam. Fest steht, dass der junge Mann ertrunken ist. Die Feuerwehr hat die Leiche und den Schlitten im Entenloch gefunden. Altinger hatte den Schlitten ursprünglich wohl in den Schuppen zurückstellen wollen, es aber dann aber doch vergessen. Als wir ihn praktisch daran erinnerten, ging das ja nicht mehr und so brachte er den Schlitten nach Hagenburg, damit es so aussah, als habe der Bankräuber damit die Leiche seiner Freundin beseitigt.« »Wie es aussieht«, seufzte Stilte, »kann man dem Altinger wohl nicht viel anhängen, oder? Was ist eigentlich aus dem Rest der Beute von dem Überfall in Neustadt geworden?« »Keine Ahnung. Wir haben sie nicht«, sagten die Hauptkommissarin und ihr frischgebackener Kriminalkommissar beinahe synchron und zuckten mit den Schultern. »Und wer der anonyme Anrufer war, wissen wir auch nicht.« »Na, dann man ein Prosit auf die stillen Helfer der Polizei«, meinte Stilte lachend. »Und hoffentlich können wir unseren Wein noch bezahlen."

 

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