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Eiskalt von Stephan Rykena

Eiskalt von Stephan Rykena
Eine weitere Kurzgeschichte aus dem Buch "Schaurige Funde" von Stephan Rykena. Mit freundlicher Genehmigung vom Verlag der Criminale, www.verlag-der-criminale.de ISBN 3-935284-780, in jeder Buchhandlung oder bei Amazon erhältlich.
Simon Bultmann hatte ja schon so einiges in seinem Leben als Taucher bei der Wasserschutzpolizei erlebt, aber so ein Fehler war ihm noch nie unterlaufen. Da konnte auch das moorige Wasser des Steinhuder Meeres nicht als Entschuldigung her halten. Er hätte sorgfältiger arbeiten müssen. Und nun stand es auch noch schwarz auf weiß in der Zeitung. "....erst nachdem der verrostete Golf unter großem Aufwand aus dem schlammigen Boden des Steinhuder Meeres geborgen worden war, fanden Feuerwehrleute ein Skelett im Innern des Fahrzeugs, das wahrscheinlich bereits seit einigen Jahren auf dem Grund des Ostenmeeres gelegen hat." "Ich hab`s nicht gesehen", sagte er schüttelte enttäuscht den Kopf. „ Ich dachte der Wagen....“ Hauptkommissar Groß legte ihm seine warme Hand auf die Schulter. "Ist doch gar kein Problem", murmelte er ruhig. "Auf die paar Minuten kommt`s in diesem Fall auch nicht mehr an. Wissen Sie wie lange der Wagen da drin gelegen hat? – Bestimmt fünf Jahre! Und die Aale haben ganze Arbeit geleistet. Die haben nicht ein Fitzelchen Fleisch für unsere Pathologen übrig gelassen! Also Bultmann machen Sie sich keine Gedanken."

 

Um zehn hatte Groß endlich die Berichte der Spurenermittlung und der Pathologie. Er hatte kaum die ersten paar Zeilen gelesen, als sein Kollege Ehnlich in das gemeinsame Büro kam und seine Ermittlungsergebnisse ungefragt herausprustete. "Der Golf war geklaut. Vor fünf Jahren. Januar 1996. In Wolmirstedt." Groß sah ihn nickend an. "Der Tote, war `n Mann,höchstens zwanzig Jahre alt", sagte er und wandte sich wieder den Berichten zu. "Einssiebzig, eher zierlich, schreiben die hier. Hohe Wangenknochen und die Art der Zahnfüllungen deuten auf einen Ausländer hin. Ziemlich dürftig das Ganze. Und im Wagen haben die auch nichts Besonderes gefunden, außer, dass er nicht kurzgeschlossen war." Groß sah nachdenklich an die Decke und biss sich auf die Unterlippe. "Hat´s im Januar 1996 gefroren? Ich mein war das Steinhuder Meer............." Ehnlich grinste und rollte mit den Augen. "Klar war das Meer zugefroren! Wie kommt denn bitte sonst ein Auto etwa 200 Meter vom Ufer entfernt ins Wasser? `Ne Fähre gibt`s da nicht! Es hat Wochen lang gefroren zu der Zeit. Nur gibt`s im Steinhuder Meer so`n paar Stellen, die frieren nie richtig zu. Liegt an dem Moorboden. Die Stellen heißen Deipen. Wahrscheinlich............." Groß nickte wieder. "Schon fleißig recherchiert, wie, lieber Kollege. Also ist der Typ mit dem Wagen übers Eis und eingebrochen. Und nun frage ich mich, was haben wir damit zu tun. War doch wahrscheinlich `n ganz simpler......" Ehnlich winkte ab. "Wenn du mich mal zu Ende reden lassen würdest, könnte ich dir klar machen, dass das Ganze wohl doch nicht so einfach ist. Der Wagen war nämlich geklaut und zwar vom Hof des Asylbewerberheims in Wolmirstedt, aus dem am Abend des Diebstahls, also am 15.Januar 1996, der 17jährige Marokkaner Hasan Delim , drei Tage vor seiner Abschiebung verschwunden ist. Delim sollte als Zeuge in einem Prozeßam Landgericht in Magdeburg aussagen in dem es .................."

 

Nurscha lächelte milde vor sich hin, während sie mühsam die Lokalseite der Hannoverschen Allgemeinen zwischen den engen Sitzen las. Die Sonne zwinkerte durch das kleine Fenster, als das Flugzeug langsam seine Reiseflughöhe erreichte. Die junge Beamtin neben ihr spielte nervös mir mit ihren Fingern. "Scheint`n ruhiger Flug zu werden", sagte sie, mehr um sich selbst zu bestätigen als von Nurscha eine Antwort zu erwarten. "Werden Sie in Casablanca abgeholt?" Nurscha nickte und las interessiert weiter. "........bei dem Toten handelt es sich wahrscheinlich um einen 17-jährigen Asylbewerber, der am 15.Januar 1996 aus dem Asylbewerberheim in Wolmirstedt verschwand. Bisher war angenommen worden, dass der 17-jährige irgendwo untergetaucht sei, da sein Asylantrag abgelehnt worden war. Wie der Tote ins Steinhuder Meer gekommen ist, konnte bisher nicht geklärt werden. Die Ermittlungen gestalten sich schwierig, da der Leichnam vollständig skelettiert ......" Nurscha lehnte sich zurück und schloss die Augen. Haben sie ihn also doch gefunden, - nach so vielen Jahren. Nun konnte sie endgültig nicht mehr nach Deutschland zurück. Und sie hatte gehofft, direkt nach ihrer Ankunft in Casablanca an ihrer Rückkehr arbeiten zu können, Abschiebung hin, Abschiebung her. Aber wahrscheinlich würden sie bald alles rausfinden und noch mal in den Knast in Deutschland wollte sie nicht. Viereinhalb Jahre waren genug gewesen. Das gleichmäßige Rauschen in der Kabine ließ sie kurz wegnicken. Wie ein Film lief eine längst vergangene Zeit vor ihrem geistigen Auge ab. Die schrecklichen Monate allein mit dem Vater und der kleinen Schwester in dem Heim in Wolmirstedt. Drei Leute in einem winzigen Zimmer mit dem ständig verstopften Waschbecken und den Metallmöbeln. Drei Leute inmitten von vielen anderen, die sinnlos und ohne Beschäftigung den Tag verbrachten. Die permanenten Auseinandersetzung mit den anderen Bewohnern. Und die Schläge vom Vater. Diese entwürdigenden Schläge, die schließlich .... Ein Hand auf ihrem Arm riss sie aus ihrem Dämmerschlaf. Überrascht sah sie in das freundlich lächelnde Gesicht ihrer Bewacherin. "Frühstück, Sie müssen den Tisch runterklappen. Wollen Sie Tee oder Kaffee?" Nach dem Frühstück sah sie nachdenklich durch das Kabinenfenster auf die unter ihnen liegende Berglandschaft. "Wenn Sie rechts aus dem Fenster sehen, können Sie den Bodensee sehen", sagte eine warme Männerstimme aus dem Lautsprecher. "Er ist zurzeit mir einer dünnen Eisdecke überzogen und........" Nurschas Gedanken drifteten beim Anblick des zugefrorenen Sees wieder zu dem Zeitungsartikel. Hasan Delim – ja, Hasan. Er war der einzige Lichtblick in diesem schrecklichen Heim gewesen. Sie hatten sich sofort gut verstanden und das nicht nur, weil er auch Marokkaner wie sie gewesen war. Er war der erste Mann in ihrem bis dahin siebzehnjährigen Leben gewesen, bei dem sie das Gefühl gehabt hatte, alles mit ihm bequatschen zu können. Und ausgerechnet der........... Sie biss sich auf die Unterlippe und ihre eigentlich herrlich weichen Züge verhärteten sich. Er hatte den Tod verdient, genau wie ihr Vater! In Amgour, ihrem Heimatdorf im Atlas, hätte sie keinen Tag im Gefängnis gesessen für das, was ihr in Deutschland viereinhalb Jahre Haft eingebracht hatte. Der Bodensee verschwand unter der Tragfläche und am Horizont sah man hohe, schneebedeckte Berge. Einen Augenblick blitzte das Leben in Amgour vor Nurschas Auge auf.Das armselige Dorf aus den Tagen ihrer Kindheit in den Bergen des Atlas. Damals war der Vater noch ganz anders gewesen, noch nicht so verbittert und voller Optimismus, dass man als Tischler in Deutschland immer eine Arbeit finden würde. Er hatte jeden Pfennig gespart um die Schlepper bezahlen zu können, die sie schließlich über tausend Stationen ins Traumland Deutschland gebracht hatten, wo der Traum dann ziemlich schnell wie eine Seifenblase geplatzt war. Und nach dem Tod der Mutter war Nurscha dann bald für den Vater........Ein eiskalter Schauer lief ihr über den Rücken. Diese Schläge, dieses ekelige Begrapschen, dieser Schweißgestank! Dieses Schwein hatte wirklich den Tod verdient. Nein, - niemand in Marokko hätte sie verurteilt! Er hatte sie schließlich töten wollen, nachdem Hasan ihm von ihrem Plan erzählt hatte. Da musste sie ihm zuvor kommen. Und dann hatte er es auch noch überlebt, wenn auch als Krüppel. "Versuchter heimtückischer Mord" hatte die Anklage gelautet. Viereinhalb Jahre Jugendstrafe. Ein hoher Preis für eine gerechte Tat! Ihre Bewacherin tickte ihr sanft auf die Hand. "Ich muss mal auf`s Klo", sagte sie und lächelte wieder dieses freundliche Beamtenlächeln. "Wenn Sie auch.....?" Nurscha schüttelte den Kopf. "Sie brauchen keine Sorge haben", sagte sie. "Ich hau nicht ab." Die Kriminalbeamtin gab ihr eine freundschaftlichen Stubbs und ging. Nurscha nahm ein Kaugummi aus ihrer Tasche und sah sich im Flugzeug um. Das war`s also, dachte sie. Von nun an wirst du dich vorsehen müssen. Kein Gericht in Europa hat Verständnis dafür, dass Verräter ihr Leben verwirkt haben. Sie werden es Mord nennen und dich wieder für viele Jahre ins Gefängnis stecken, wenn sie dich kriegen. Aber es war kein Mord. Hasan hatte sie und ihre Schwester verraten. Er hatte dem Vater von ihrem Plan ihn zu töten erzählt, obwohl er wusste, dass dieses Schwein sie missbrauchte und jeden Tag brutal schlug. Obwohl er wusste, dass der Vater vor hatte, sie als Nutte an seine Bekannten zu vermitteln. Sie hatte Hasan vertraut und er hatte ihnen nicht geholfen, sondern dem Vater von dem Plan erzählt. Er hatte sie verraten und auf Verrat stand der Tod. So einfach war das. Sollten doch die Deutschen anders darüber denken! Hasan Delim war einen gerechten Tod gestorben! Die Bewacherin kam zurück und nahm die Zeitung, die in der Sitztasche vor ihnen klemmte. “Rätselhafter LEICHENFUND IM STEINHUDER MEER“ stach es Nurscha wieder von der aufgeschlagenen Seite ins Auge. Er hätte sich doch eigentlich denken können, dachte sie, dass so eine lächerliche Entschuldigung seinen Verrat nicht auslöschen konnte. Er war doch selbst Araber gewesen, wie sie und da hatte er geglaubt................ Immerhin hatte er sich ganz schön Mühe gemacht, ihr eine Erklärung für sein Handeln zu geben, Auge in Auge. Aber das hatte sein Leben auch nicht gerettet. Er war extra mit einem geklauten Auto aus Wolmirstedt nach Wunstorf in die Jugendpsychiatrie, in die man sie nach dem Mordversuch an ihrem Vater zur Feststellung ihrer Strafmündigkeit gebracht hatte, gekommen, um ihr zu erklären, warum er dem Vater alles verraten hatte. Und alle waren ihr auf den Leim gegangen! Sie hatte ihn als ihren Vetter ausgegeben und man hatte ihr großzügig freien Stadtausgang gegeben. Sie hatte ihm die große Verzeihensgeschichte vorgespielt und als es dunkel geworden war, waren sie in dem geklauten Wagen in ein Wäldchen am Steinhuder Meer gefahren, wo die große Versöhnung mit einer Flasche Sekt und einem Schäferstündchen besiegelt werden sollte. Davor hatte Hasan ihr aber noch sein Fahrkünste mit ein paar Schleuderrunden auf dem gefrorenen See vorführen wollen. „Wahnsinn, oder Nurscha, ist doch echt geil wah?“ waren seine letzten Worte gewesen. Der Schraubenzieher, den sie dem Elektriker beim Verlassen des Krankenhauses aus seinem Werkzeugkasten im Vorbeigehen geklaut hatte, war wie Butter durch seine Rippen direkt ins Herz gedrungen.. Der Tod war schnell und ohne viele Geräusche gekommen. Sie war aus dem noch rollenden Wagen gesprungen, bevor er etliche Meter weiter auf unerklärliche Weise von der Bildfläche verschwunden war. Irgendwie war sie am späten Abend mit einer plausiblen Erklärung wieder in der Psychiatrie angekommen. "Wir verlassen jetzt unsere Reiseflughöhe und werden in einigen Minuten..................." Die Stimme aus dem Bordlautsprecher riss Nurscha aus ihren Gedanken. "Das war`s dann ja wohl", sagte sie seufzend und sah ihre sprachlose Begleiterin merkwürdig lächelnd an.

 

Für die beiden Ermittler in ihrem Büro in der Wunstorfer Amtsstraße stellte sich der Steinhuder Leichenfunde keineswegs als so spektakulär dar, wie in die Presse gern gehabt hätte. Ehnlich hatte den ganzen Tag rumtelefoniert und den Computer bearbeitet. Das Ergebnis war trotzdem mager. "Das Asylbewerberheim in Wolmirstedt ist vor drei Jahren geschlossen worden und der ehemalige Verwalter, der Besitzer des Wagens aus dem Meer, ist vor einem Jahr gestorben. Hatte keine Familie. Und über die Zahngeschichte komm ich auch nicht weiter. Totale Fehlanzeige. Die einzige brauchbare Information, warum der Tote in dem Wagen mit hoher wahrscheinlich dieser Hasan Delim war, ist die, dass eine gewisse Nurscha Masjid die Angeklagte in einem Prozess in Magdeburg war, in dem Hasan Delim aussagen sollte und dass genau diese Frau im Januar 1996 in der Wunstorfer Jugendpsychiatrie zwecks Untersuchung......" Sein Kollege winkte missmutig ab. "Das hat doch alles keinen Zweck. Die von der Pathologie können ja nicht mal sagen, wie der Typ umgekommen ist. Ich mein, wenn der einfach nur aus Blödsinn mit dem Wagen aufs Eis gefahren und dann mit der Karre abgesoffen ist, ist das doch kein Fall für uns, oder! Was haben wir denn? Ist doch alles nur Spekulation? Wir haben, weiß Gott, wichtigeres zu tun, als irgendeinem Phantom das niemand vermisst hinterzujagen. Ich meine wir sollten die Akte schließen."

 

Vier Wochen später heuerte Nurscha in Casablanca als Küchenhilfe auf einem russischen Kreuzfahrtschiff auf dem Wege nach Italien an.

 

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